Wäller Glocke läutet bald im Problemviertel |
Gemeinde Wirges verschenkt Klangkörper nach Wiesbaden
Kirche im SchmelztiegelDer Schelmengraben ist das ärmste Viertel der hessischen Landeshauptstadt. Mehr als die Hälfte aller Kinder leben dort von Hartz IV, 65 Prozent der 6120 Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Die Evangelische Kirchengemeinde ist Teil dieses kulturellen Schmelztiegels. Und obgleich sie bei den Menschen als gastfreundliches Haus hohes Ansehen genießt, ist sie seit Jahren stumm: Ihr fehlt eine Glocke. „Mir ist es aber wichtig, dass in einer solchen Umgebung christliche Präsenz auch hörbar ist“, meint der ehemalige Montabaurer Pfarrer Boucsein. „Außerdem signalisiert ihr Klang unseren vielen verstummten, sozial und ökonomisch schwachen Mitgliedern: Ihr habt Würde! Nicht nur dem Bürgertum in der Stadt sollen die Glocken läuten, wenn das Vaterunser gebetet, am Ewigkeitssonntag die Namen der Verstorbenen verlesen oder bei der Konfirmation junge Menschen eingesegnet werden.“ Spenden bringen 7000 EuroEine entsprechende Spendenaktion bringt im bis Mitte 2011 rund 7000 Euro ein. 3000 Euro zu wenig für eine komplette Läutanlage. Doch dann erfährt Boucsein von der Siershahner Kirche. Deren Glocken werden vor rund zehn Jahren wegen statischer Probleme des Turms nach Wahlrod verkauft. Bis auf eine, die der Küster der Gemeinde lange Zeit von Hand läutet. Als 2009 das Aus für die Siershahner Kirche kam, verstummte auch diese und steht seitdem ungenutzt auf einer Palette in dem verlassenen Gotteshaus. "Wundervolle Nachricht"Dass sie demnächst wieder klingt, hat sie einem Anruf Peter Boucseins bei seinem alten Kollegen Wilfried Steinke zu verdanken. Steinke ist Pfarrer der Kirchengemeinde Wirges, zu der Siershahn gehört, und hat ebenso wie der Kirchenvorstand nichts dagegen, dass die Glocke in den Besitz der Wiesbadener Schelmengraben-Gemeinde übergeht. „Für uns war das eine wundervolle Nachricht“, sagt Boucsein. „Und dass uns ausgerechnet diejenige Gemeinde hilft, in der ich mehrmals in Vakanzzeiten ausgeholfen habe, macht das Ganze noch schöner.“ Die Wege des Herrn... Teurer GlockenstuhlSpätenstens an Ostern wird im Schelmengraben zum ersten mal eine Kirchenglocke läuten. Dort hängt sie übrigens nicht in einem Turm, sondern in einem Glockenstuhl neben der Kirche. Der ist mit 7000 Euro übrigens wesentlich teurer als die Glocke an sich. Aber dafür reichen wiederum die Spenden, die die Wiesbadener Gemeinde gesammelt hat. Pläne für das BronzekreuzWas aus den anderen Schmuckstücken wie dem Bronzekreuz oder den Glasfenstern wird, die sich immer noch in der Siershahner Kirche befinden, weiß der Wirgeser Pfarrer Wilfried Steinke (Foto links) bislang noch nicht: „Fest steht: Wir wollen aus der Kirche kein Kapital schlagen. Was die Fenster angeht, würden wir gerne einige Motive herausschneiden und dafür einen Platz in der Wirgeser Kirche finden. Und für das Bronzekreuz werden sich sicher auch noch Wege auftun.“ (bon) |
Für Pfarrer Peter Boucsein (rechts) ist es einer von Gottes unergründlichen Wegen: Ausgerechnet eine evangelische Gemeinde aus dem Westerwald – dort, wo Boucsein lange gewirkt hat – erfüllt seiner neuen Kirchengemeinde nun einen großen Wunsch: Die Wirgeser Kirche schenkt dem Gotteshaus im Wiesbadener „Schelmengraben“ eine Glocke. Ein 250 Kilogramm schweres Prachtstück von 1963. Und ein Segen für Boucsein und seine Schäfchen. Denn die Glocke wird in ihrer neuen Heimat mehr als nur ein tönendes Metall sein.